engagiert von Anfang an

HERBSTTOUR der Abgeordneten Meißner macht politischen Handlungsbedarf deutlich

Die Corona-Pandemie reißt ein tiefes wirtschaftliches Loch in viele Betriebe und Unternehmen. Die Bundesregierung rechnet mit Blick auf das Gesamtjahr 2020 mit der schwersten Rezession der Nachkriegszeit. Die Corona-Infektionszahlen steigen besorgniserregend, Gesundheitsämter stehen am Rand der Überforderung, ein zweiter Lockdown-light ist beschlossen.

Doch wie sieht es vor Ort aus, wie geht es der heimischen Wirtschaft? Welche Unterstützung seitens der Politik ist jetzt dringend notwendig? Genau diese Fragen hat sich die Landtagsabgeordnete Beate Meißner während ihrer Herbsttour unter dem Motto “5 Tage – 5 Branchen“ bei einigen Unternehmen in ihren Wahlkreis gestellt, die während der Corona-Pandemie besonders belastet sind.

Ihre erste Station führte sie zu den Pflegebienen SSSN GmbH, welche seit Juli 2019 Teil der aiutanda Familie ist. Die Pflegebienen, deren Namen übrigens von den Mitarbeiter*innen selber demokratisch gewählt wurde, versorgen 90 Prozent der ambulant zu Pflegenden im Landkreis Sonneberg. Das sind immerhin 600 Frauen und Männer. Nimmt man die Kurzzeit-, Tagespflege und das Betreute Wohnen hinzu, kommt man auf über 1000 Klienten, die von 130 Mitarbeiter*innen versorgt werden – eine hohe Verantwortung.

Gemeinsam mit dem Geschäftsführer Marcel Müller-Rechenbach und seinen Kollegen*innen  vor Ort  konnte Beate Meißner in ein wertvolles Gespräch eintauchen. Die Probleme in der Pflege, gerade auch in der ambulanten, waren und sind mannigfaltig. Die Bezahlung und der Schichtdienst im ambulanten Pflegebereich machen gerade diesen wichtigen Teil der Pflegebranche zu einem Beruf mit Berufung. Arbeitskräfte sind schwer zu finden, die Burn-Out-Rate in diesem Bereich besonders hoch. Das war schon vor der Corona-Pandemie so und ist jetzt noch intensiver zu spüren.

Wegen fehlender Arbeitsschutzkleidung mussten mitunter Maleranzüge aus dem Baumarkt herhalten. Die Abstimmung zwischen den einzelnen Behörden war suboptimal, sicher auch der anfänglichen Überforderung geschuldet. Bei einer 87prozentigen Frauenquote im Unternehmen war die Schließung der Kindergärten und Schulen und die damit einhergehende fehlende Kinderbetreuung ein großes Thema. Auch die Ausfallquoten der Pflegekräfte bei Kontakt mit einem Corona-infizierten Klienten waren hoch. Eine vierzehntägige Quarantäne wurde verordnet und die Möglichkeit einer verkürzten einwöchigen Quarantäne mit Antragstellung auf Grund der langen Bearbeitungszeit im Gesundheitsamt unbrauchbar. Die ohnehin schon dünne Personaldecke drohte gänzlich einzubrechen.

Das Hygienekonzept der Pflegebienen dagegen hat sehr gut funktioniert, nicht ein Mitarbeiter infizierte sich bisher mit dem Corona-Virus. Ein Teil der Kurzzeitpflege wurde kurzerhand zum Quarantänebereich für Infizierte umgebaut. So war man in der Lage fünf Covid-19-Infizierte zu betreuen. Als ein kleines Zeichen der Anerkennung empfanden die Mitarbeiter den Pflegebonus des Bundes und des Landes Thüringen, dessen Auszahlung durch den Arbeitgeber problemlos an anspruchsberechtigte Mitarbeiter*innen weitergereicht wurde.

Durch den Geschäftsführer wurden viele Probleme als auch Unstimmigkeiten bei bundeslandübergreifenden Unternehmen in der Pflegebranche aufgezeigt. Gerade die verschiedenen Abrechnungen im SGB-V-Bereich sind aus Sicht der Sozialpolitikerin unhaltbar und bedürfen dringend einer Klärung mit den dafür zuständigen Stellen. Aber auch die unterschiedlichen Abrechnungen, Gehälter und vieles mehr machen es den Unternehmen schwer, mit Innovationskonzepten den Menschen mit Hilfe- und Pflegebedarf genau die Angebote zu machen, die sie brauchen um ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Die zweite Station ihrer Tour führte die Landtagsabgeordnete ins Reisecenter von Janek Misch, stellvertretend für die Reisebranche. Die Verluste hier sind enorm. Da Reisebüros vermittelnde Funktion haben und von Provisionen leben, sind die ausbleibenden Einnahmen massiv. Da eben diese Provisionen erst zum Reisebeginn oder -ende gezahlt werden, ist das Geschäft durch die Corona-Pandemie komplett eingebrochen. Viele Arbeitsstunden waren umsonst und auch das Geschäft für nächstes Jahr kommt auf Grund der Unsicherheit mehr und mehr abhanden. Selbstverständlich ist auch der Verkauf von Bahntickets rückläufig, da mitunter Weihnachtsmärkte nicht stattfinden bzw. zu touristischen Zwecken auf Grund des Lockdowns nicht mehr in Hotels übernachtet werden darf.

Janek Misch vermittelt seit 21 Jahren Reisen und das mit vollem Herzblut. Wer ihn kennt, weiß das auch zu schätzen. Keiner seiner Kunden blieb in der laufenden Pandemie auf Stornierungs- oder Rückbuchungskosten sitzen. Unter hohem persönlichem Einsatze konnte er Reisen verschieben, ohne dafür entlohnt zu werden. Gerade auch deshalb stehen inhabergeführte Reisebüros wie das von Janek Misch vor dem Aus, die Existenz ist bedroht. Überbrückungshilfen konnten auch hier die Unkosten eine kurze Zeit decken, die Mitarbeiterin wurde in Kurzarbeit geschickt, er lebt von Erspartem. Wie lange noch? Eine gute Frage.

Dringend hinweisen möchte Beate Meißner darauf, dass eine Online-Buchung über die App bei der Deutschen Bahn mitunter teurer ist, als sich bei einer Service-Station wie der von Janek Misch die besten Konditionen für die geplante Reise heraussuchen zu lassen und dort zu buchen. Viele Veranstalter haben sich auf die besondere Situation eingestellt und bieten kurzfristige Stornierungen auch bei Bestpreisgarantie an.

Auch die Zulieferbranche der Automobilindustrie hatte schon vor der Pandemie auf Grund der Energiewende mit Umsatzeinbußen zu kämpfen. Doch wie sieht es jetzt aus? Hierzu holte sich Meißner Informationen bei der Dr. Schneider Unternehmensgruppe im Werk Judenbach, ihrer dritten Station. Das weltweit agierende und international erfolgreiche Unternehmen ist Spezialist für erstklassige Produkte im Fahrzeuginnenraum und damit von der Energiewende in der Automobilbranche nicht allzu stark betroffen. Nach Einschätzung des Geschäftsführers sollte man hier den Gesamtkontext im Auge behalten und keine einseitigen Entscheidungen treffen. Einen kurzfristigen Wandel kann es nicht geben. Dazu wäre erstmal eine durchgängige Lade-Infrastruktur zu schaffen und der Unterschied zwischen Land und Stadt zu berücksichtigen.

Mit acht Standorten weltweit und insgesamt über 4000 Mitarbeiter*innen wächst das Unternehmen stetig. Zusammen mit einem der drei Geschäftsführer, Herrn Stadelmann, dem Werkleiter Herrn Daub und der Pressesprecherin des Unternehmens, Frau Schuberth, wurde Beate Meißner ein vielschichtiger Blick ins Unternehmen gewährt. Das Judenbacher Werk beschäftigt 240 Mitarbeiter*innen und wurde am 2. Januar 1991 gegründet. Neben der Vorstellung des Unternehmens und einer interessanten Betriebsführung wurde auch über den Umgang des Unternehmens mit der Corona-Pandemie gesprochen.

Allein die Bilanz von nur zehn positiv getesteten Mitarbeitern weltweit spricht für das angewandte Hygienekonzept der Firma. Auf getroffene Maßnahmen hinsichtlich der Gesundheitsvorsorge des Unternehmens gab der Geschäftsführer einen kleinen Einblick in die erfolgreiche Hygienestrategie. Das oberste Gebot ist die schnelle Reaktion und die Leitmaxime – keine Gefährdung der Mitarbeiter! Das berufliche Umfeld wurde vorbildlich angepasst. Temperaturmessung am Eingang und vor dem Betreten jeder Werkhalle als auch umfassende Desinfizierung und das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes wären hier zu nennen. Dazu wurde das Judenbacher Werk eigens mit Temperaturmessstationen ausgestattet.

Weiterhin werden selbst hergestellte Visiere genutzt, und an einigen Standorten gibt es Betriebsärzte. Das Mittel der Kurzarbeit wurde in Anspruch genommen und in Absprache mit dem Betriebsrat ein flexibles Arbeitszeitkonto ermöglicht. Sicher profitiert man hier auch von den unterschiedlichen Erfahrungen an den jeweiligen Standorten. In ständigen Telefonkonferenzen des weltweit agierenden Unternehmens schloss man sich kurz, legte individuell angepasste Strategien fest und schaffte so sehr früh eine Automatisierung der Hygieneabläufe. Eine eigens dafür abgestellte Mitarbeiterin wurde beauftragt mögliche Fördermöglichkeiten auszuloten, die Kontaktpflege mit Behörden voranzutreiben und als Ansprechpartner für Mitarbeiter und Unternehmensführung präsent zu sein.

Auf Nachfrage der Landtagsabgeordneten wurde das coronabedingte Minus des Unternehmens auf ca. 15 Prozent Umsatzverlust beziffert. Ein Schaden, der Spuren hinterlassen wird. Durch den Geschäftsführer wurde nochmals eindringlich auf das dringend nötige Voranschreiten des Breitbandausbaus hingewiesen. Das Judenbacher Werk hat zur Sicherheit eine Standleitung, um ein Break Out zu vermeiden.

Am Donnerstag widmete sich die Sonneberger Abgeordnete der stark gebeutelten Gaststättenbranche und besuchte als vierte Station den Hotel-Gasthof „Hüttensteinach“. Hier wurde sie vom Inhaber Jens-Uwe Eichhorn begrüßt. Dieser stellte unmissverständlich klar, welch hoher Umsatzverlust allein der erste Lock down verursacht hat.

Durch seine spezielle Kombination Hotel und Gasthof konnte das Schlimmste noch etwas abgefedert werden. Nichtsdestotrotz ging die Auslastung des Hotelbetriebs auf 25 Prozent herunter – auch auf Grund des Wegfalls großer Veranstaltungen, wie z.B. das jährlich stattfindende Puppenfestival, was viele Hotelübernachtungen brachte. Das Außerhaus-Geschäft bezeichnet er als überschaubar. Von April bis Juni schickte das Familienunternehmen seine Beschäftigten in Kurzarbeit. Ab Juli konnte wieder normal gearbeitet werden.

Sehr gut beraten und informiert fühlte sich Herr Eichhorn durch den Fachverband DEHOGA, welcher ständig über die aktuellsten gastronomierelevanten Entwicklungen informierte, Beispielkonzepte zur Verfügung stellte und immer ansprechbar war. Der Blick in die Zukunft ist allerdings alles andere als erfreulich. Der Gasthof Hüttensteinach ist über die Weihnachtsfeiertage und Silvester ausgebucht. Ein erneuter Umsatzverlust im Dezember wäre fatal und schwer zu verkraften. Maßgabe ist für den Hotel-Gasthof Inhaber ohnehin nur noch eine schwarze Null. Geplante Investitionen werden erst einmal verschoben, der Novembermonat dazu genutzt um Liegengebliebenes aufzuarbeiten.

Als sehr positiv empfand Jens-Uwe Eichhorn das Reiseverhalten der Deutschen. „Die Leute gehen dahin, wo sie hindürfen!“, so der Inhaber. So konnten in den Monaten Juli bis Oktober Verluste in der Gastronomie durch Gewinne mit Hotelübernachtungen abgemildert werden. Als unzureichend schätzte der Gasthof-Inhaber die Information über die Homepage des Landratsamtes ein. Bestehende Verordnungen sind schwer zu finden und sollten gleich auf der Startseite ersichtlich sein. Durch die Landtagsabgeordnete wurde Herr Eichhorn auf die Nutzung der TELEGRAMM-APP hingewiesen. Hier bekommt man schnell und umfassend alle wichtigen Informationen, die den Landkreis Sonneberg betreffen.

Herr Eichhorn begrüßt die geplante Bundeshilfe der Rückerstattung von 75 Prozent des Novemberumsatzes aus dem Jahr 2019. Weiterhin findet er die Einführung der Familiencard als zielfördernd, die Tourismusbranche in Thüringen attraktiver zu gestalten und spricht sich gleichzeitig für die Verlängerung der Absenkung der Mehrwertsteuer bis über das Jahr 2020 hinaus aus.

Zum Abschluss ihrer Herbsttour besuchte die Abgeordnete als fünfte Station Vertreter der Veranstaltungsbranche. Hier gibt es die größten Defizite. Diese Branche befindet sich de facto seit April im Dauer-Lockdown. Das facettenreiche und bunte Veranstaltungswesen in Thüringen Land steht kurz vor dem Kollaps. Der Geschäftsführer des Schlossberg Eventhotels Sonneberg GmbH, Matthias Maier, und der Inhaber des Veranstaltungsservice Stammberger, Sven Stammberger, schilderten die akute Lage anhand von Beispielen.  Der Ausfall von Hochzeiten, Firmenevents und Weihnachtsfeiern setzt zu. Während das auf Hochzeiten spezialisierte Schloßberg-Eventhotel noch einige Hochzeiten ins nächste Jahr verschieben konnte, geht bei der Vermietung von Veranstaltungstechnik für Großevents seit April nichts mehr. „Unsere Branche trägt die Last der Gesellschaft, also muss auch die Gesellschaft etwas für sie tun. Entscheidungen sind verhältnismäßig, wenn der finanzielle Ausgleich gewahrt bleibt“, so der Schlossberg-Geschäftsführer Matthias Maier.

Er betreibt sein erfolgreiches Geschäftsmodell seit fünf Jahren. Sein Konzept ist auf das langfristige Geschäft ausgelegt. Der Schlossberg ist ausgebucht und drei bis vier Hochzeitsanfragen pro Woche gingen bei ihm ein – vor der Pandemie. 22 Hochzeiten waren auch für 2020 gebucht. Stattfinden konnten bisher nur sechs Hochzeiten mit der Hälfte an Gästen. Die beantragten Sofort- und Überbrückungshilfen wurden problemlos gezahlt, eine festangestellte Mitarbeiterin in Kurzarbeit geschickt. Sein Glück: die laufenden Kosten sind überschaubar. Mit innovativen Ideen behalf sich der kreative Unternehmer, gründete das Veranstaltungsformat Beergarden Beats und führte so im Sommer 2020 fünf Veranstaltungen  durch, die jedes Mal restlos ausverkauft waren. Auch für das Jahr 2021 sind bereits viele Hochzeitstermine vergeben und ein vager optimistischer Blick in die Zukunft kann getätigt werden.

Ganz anders ist die Lage beim Veranstaltungstechniker Sven Stammberger. Als Subunternehmer für Künstler-; Konzert- und Veranstaltungsagenturen läuft bei ihm seit März 2020 nichts mehr. Von 100 bis 150 Veranstaltungen im Jahr runter auf null. Auch die Sofort- und Überbrückungshilfen flossen nicht sofort und lassen stellenweise immer noch auf sich warten. Einen kleinen Teil der Technik konnte er verkaufen, seine Mitarbeiterin musste er entlassen.

Doch aufgeben möchte er noch nicht, auch wenn es sehr schwer fällt. Seine Firma ist sein Lebenswerk, um das er weiter kämpfen will. Auf die Nachfrage von Beate Meißner, von was er denn lebe, antwortete Sven Stammberger: „Vom Ersparten, aber auch das geht nicht mehr lange.“

Insgesamt betrachtet hat die Landtagsabgeordnete viele wichtige Arbeitsaufträge aus ihrer Herbsttour mitgenommen, die es  jetzt auf verschiedenen politischen Ebenen anzusprechen und zu lösen gilt. „Die Corona-Pandemie wird nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale Schäden hinterlassen. Den Branchen, die davon am meisten betroffen sind, muss mit staatlichen Mitteln schnell und unbürokratisch geholfen werden. Sie tragen derzeit eine gesamtgesellschaftliche Last“, so die Sonnebergerin abschließend.

04.11.2020

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